Das folgende Interview mit Klaus Gerrit Friese erschien am 22. November 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Verlagsbeilage "PIAZZA Special für Lebensart":
Herr Friese, nehmen wir an, ich bin Kunstlaie und daran interessiert, für mich selbst oder als Geschenk ein Kunstwerk zu kaufen. Wie könnten meine ersten Orientierungsschritte angesichts der Überfülle des Kunstmarktes aussehen?
Zunächst sollte man sich nach Galerien umschauen. Daneben kann man sich auch auf Kunstmessen orientieren, die einen unglaublich schnellen und guten Überblick bieten. Aber als langjähriger Galerist und Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Galerien (BVDG) würde ich sagen, dass der Weg in die jeweiligen städtischen Galerien der vielversprechendste ist.
Wie finde ich gute Galerien in meiner Nähe – und was ist eine gute Galerie?
Branchenverzeichnisse helfen sehr gut weiter. Darüber hinaus gibt es bestimmte Zeichen, die für die Qualität einer Galerie sprechen: geregelte Öffnungszeiten, ständige Ausstellungen, Publizierung der Ausstellungen, Rezensionen in den jeweiligen Tageszeitungen.
Gibt es kein „Qualitätssiegel“?
Ein guter Indikator ist die Mitgliedschaft im BVDG, der sich für einen sachlich fixierten, ordentlichen Umgang mit zeitgenössischer Kunst verbürgt. Wenn die Galerie, mit der Sie in Kontakt treten, Mitglied in diesem Bundesverband ist, dann ist das ein sicheres Zeichen für Qualität und Seriosität.
In Dschungel der zeitgenössischen Kunst kennen sich selbst viele Kunsthistoriker kaum aus. Wie wichtig ist die beratende und vermittelnde Funktion des Galeristen?
Wir haben als Galeristen natürlich absolut die Pflicht, zu beraten und zu erklären. Oft haben Besucher eine gewisse Schwellenangst, wenn Sie in Galerien kommen – das ist aber ganz unnötig. Jeder Galerist redet gerne über das, was er ausstellt, und jeder ist stolz auf die Auswahl, die er ja aus eigenem Antrieb und eigener Überzeugung heraus zusammengestellt hat. Aus diesem Grunde erklären wir gerne und überzeugen auch gern diejenigen, die uns Fragen stellen.
Was zeichnet ein gutes Beratungsgespräch aus?
Jeder gute Berater merkt die Wünsche der Käufer, ohne seine eigenen Überzeugungen zu verraten. Außerdem sollte jeder, der in eine Galerie geht, für sich das Kriterium haben: Werde ich hier ernst genommen? Und werden auch meine Fragen ernst genommen – auch wenn sie mir selbst noch so dumm oder sinnlos scheinen? Gerade zu Beginn trauen sich Besucher häufig nicht, nachzufragen, weil sie ihre Kenntnislosigkeit nicht zeigen wollen. In der Regel sind diese Fragen jedoch alles andere als dumm! Auch und besonders jede kenntnislose Frage regt den Galeristen an, sich im Gespräch zu der Kunst, die er vertritt, zu artikulieren.
Wenn ich nun ein Werk kaufen möchte: Welche Gründe und Kriterien sollten Ihrer Meinung nach für meinen Kauf entscheidend sein?
Zunächst ist sicherlich die eigene Gefühlslage gegenüber dem Kunstwerk entscheidend. Wir können und sollten das Moment der Emotion aus dem Kunstkauf in keinem Fall ausschließen. Wenn nicht eine besondere Affinität zum Kunstwerk da ist, dann werden auch die tollsten Erklärungen kaum zum Kauf bewegen können. In einem zweiten Schritt ist es ungemein hilfreich, sich klar zu machen: Was hat dieser Künstler für eine Biografie? In welchem Kontext steht er im Kunstmarkt? Gibt es Museumsausstellungen, Kataloge? All diese Dinge wird Ihnen der Galerist gerne und liebevoll erklären.
Das heißt, Sie stimmen prinzipiell den emotionalen Auswahlkriterien „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ zu?
Wir reden im Moment ja über den Beginn: Wie kommt jemand zur Kunst? Und da steht am Anfang das Kriterium „Gefallen“. Darauf folgt „begründetes Gefallen“, dann „begründete Auswahl“ und schließlich „begründete Kennerschaft“. Ich glaube das sind die Schritte, in denen man das Kunstsammeln vollzieht. Aber am Anfang steht die eigene Empfindung.
Nehmen wir an, ich möchte einem Kunstliebhaber ein Werk schenken: Welche Informationen brauche ich im Voraus, um eine Wahl treffen zu können?
Ohne Kenntnis der Person und ihres Geschmacks – wie zum Beispiel die Vorliebe für abstrakte oder figurative Kunst – geht das eigentlich kaum. Wenn man sich aber zutraut, einen Menschen zu kennen, dann sollte man den Mut zum Verschenken von Kunst aufbringen. Vielleicht lässt sich mit dem Galeristen auch eine Rückgabe- oder Umtauschvereinbarung treffen.
Bedeutet diese Vorraussetzung des persönlichen Verhältnisses zu der beschenkten Person, dass ein Kunstwerk als Firmengeschenk ungeeignet ist?
Nein, ganz und gar nicht. Wenn Firmen beispielsweise zu Jubiläen Kunst verschenken, dann geschieht das oft in Form eines Gutscheins. Der Beschenkte kann sich damit in einer bestimmten Galerie ein Werk aussuchen. Und da die meisten Galerien nicht nur einen, sondern bis zu fünfundzwanzig Künstler vertreten, wird es auch möglich sein, dort etwas zu finden. Gerade im Firmenbereich hat es neben den üblichen Geschenken doch eine besondere Qualität, wenn man sich bewusst für das Verschenken von Kunst entscheidet. Und oftmals hat es auch einen viel persönlicheren Anreiz für den Beschenkten.
Die Preispolitik des Kunstmarktes wirkt nicht nur auf Laien oft enigmatisch: Aus welchen Faktoren setzen sich Preise zusammen?
Zum Beispiel gibt es die klassische Unterscheidung, dass ein Werk auf Papier nicht so hoch gehandelt wird, wie eine Leinwandarbeit; dass eine Skulptur allein durch ihre Herstellungskosten teurer ist, ähnlich wie Photografie. Auch wenn es nicht immer sofort einleuchtet, gibt es wirklich erkennbare Kriterien für den Preis eines Kunstwerkes. Wir unterscheiden beispielsweise auch zwischen Unikaten und den Editionen, die in einer nummerierten und signierten Auflage erschienen sind. Ein Auflagenobjekt kann genauso künstlerisch großartig sein wie ein Unikat. Aber es ist logisch, dass Sie für ein Objekt, das es fünfzig Mal gibt, nicht denselben Preis verlangen können wie für ein Unikat. Insofern kann die Grafik einem potenziellen Käufer den Einstieg in den Kunstmarkt erleichtern. Es ist das, was die Editionen auszeichnet: Die Möglichkeit, ein authentisches Werk eines Künstlers zu erwerben, und zugleich in den Vorteil eines gemilderten Preisniveaus zu kommen.
Inwiefern ist Kunst für Sie ein Luxusprodukt?
Für uns als Betrachter ist es wichtig zu erkennen, dass mit der bildenden Kunst immer auch ein bestimmter Luxus verbunden ist. Das schlägt sich aber nicht unbedingt in unmittelbaren Mehrwerten nieder. Bilder sind nicht nur Ausdruck für den Luxus, den wir uns finanziell leisten, sondern sie bieten uns auch Luxus: Ich schaue als Betrachter auf wunderbare Darstellungen und auf für mich wichtige Dinge, sonst hätte ich das Werk nicht gekauft. Wenn man das für sich selbst als wichtigen Luxus empfindet, dann ist das die beste Voraussetzung für die eigene Beziehung zur Kunst.
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