Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Frau Zwirner, lieber Herr Zwirner,
es ist eine ganz besondere Freude, heute an dieser Stelle eine Laudatio auf Sie halten zu dürfen. Denn vieles, was meine ästhetische Sozialisation in den späten sechziger Jahren bestimmte, hatte mit Köln zu tun, mit dem hiesigen Kunstleben, und daher zwangsläufig schon mit Ihnen, lieber Herr Zwirner, auch wenn wir uns damals noch nicht persönlich kannten.
Denn für meine ästhetische Bildung war der Kölner Kunstmarkt das vielleicht wichtigste Ereignis - allerdings nicht gleich der erste, der 1967 im Kölner Gürzenich stattfand. Als 17jähriger Primaner hätte ich mich zu einer solchen Veranstaltung gar nicht hinzugehen getraut, wenn ich überhaupt von ihr erfahren hätte. Aus einer noch amateurhaften Alltagssoziologie heraus, hätte ich den Eindruck gehabt, daß eine solche Messe nicht für junge Leute wie mich gedacht war, sondern für die Inhaber dicker Scheckbücher - was ein naheliegender, aber, wie sich letztlich herausstellen sollte, falscher Eindruck war, zumindest teilweise.
Erst die zweite Messe habe ich besucht, die 1968 in der Kölner Kunsthalle und den Räumen des Kunstvereins stattfand, als ich nämlich im ersten Semester an der Kölner Universität studierte, übrigens keineswegs Kunstgeschichte. Noch heute habe ich vor Augen, mit welcher Verblüffung ich an einem unschuldigen Morgen vor Sigmar Polkes Gemälde „Moderne Kunst“ stand - eine Verblüffung, von der ich mich nie mehr richtig erholen sollte!
Mein Messebesuch von 1968 hatte die Folge, daß ich in den folgenden beiden Jahrzehnten jeden, aber auch jeden Kölner Kunstmarkt besuchte. Es muß die dritte oder vierte Messe, zu Beginn der 70er Jahre also, gewesen sein, als ich in einer der Kojen zufällig Ohrenzeuge eines bemerkenswerten Dialogs wurde: Offensichtlich hatte ein junger Mitarbeiter für kurze Zeit den Galeristen vertreten müssen, und als dieser nun in seine Koje zurückkehrte, wurde ihm mitgeteilt, gerade habe sich ein Sammler nach dem Preis der Beuys-Arbeit erkundigt, die meiner Erinnerung nach auf dem Boden lag, sei aber schon wieder weitergegangen.
Ohne sich von dieser Mitteilung sonderlich beeindruckt zu zeigen oder gar dem Interessenten nachzusteigen, krähte der Galerist fröhlich durch die Koje: „Dann sagen Sie ihm, dann soll er ganz viel Geld mitbringen“. Das war unverkennbar O-Ton Zwirner, dessen Namen ich mir damals wohl zum ersten Mal gemerkt habe. Auch auf den folgenden Messen fiel mir der ebenso elegante wie raumgreifende Mann immer wieder auf, dem ich längst in die Hände gefallen war, ohne es zu wissen, war er doch – zusammen mit Hein Stünke – der spiritus rector der Veranstaltung, die mich immer wieder wie magisch anzog.
Zwei Jahrzehnte später, Ende der achtziger Jahre, als ich mein Geld längst im erweiterten Kunstbetrieb verdiente, hatte ich einmal das - irgendwie illegale - Privileg, aus dem Bestand des WDR historisches Filmmaterial über den Kölner Kunstmarkt abzweigen zu dürfen. Es handelte sich um abgeklammertesMaterial, wie das senderintern hieß, also um ein Videoband mit Szenen und Interviewfetzen, die aus archivierten Reportagen über den rheinischen Kunstbetrieb der sechziger und siebziger Jahre herauskopiert worden waren.
In dieser eher willkürlich angelegten Ausschnittsammlung war unübersehbar, daß dieser hochgewachsene und agile Mann von Beginn an auch ein beliebtes Motiv der Kameraleute gewesen war. Man sah ihn, auf eigenartige Weise gleich jung bleibend, mit wehender Krawatte Türen und Räume durchschreiten und seiner offenkundigen Lieblingsbeschäftigung nachgehen, nämlich andere Leute im Gespräch fast mühelos für sich zu gewinnen.
Das wäre ihm Ende der sechziger Jahre mit mir allerdings schwer gefallen, denn die ersten Messebesuche fielen ja in die Jahre der Studentenrevolte. In Hinterzimmern des Kölner SDS hing ich damals gebannt an den Lippen von Bernd Rabehl und anderer politischer Tagträumer, und natürlich war der Unternehmer unser Feindbild schlechthin - und ein Kunsthändler ja wohl erst recht, der sich aus rein kommerziellen Gründen am Allerheiligsten vergreift, was der Deutsche Idealismus je gekannt hat. Damals hätte ich mich trockenen Auges an jedem Versuch beteiligt, Sie, lieber Herr Zwirner, im Namen der Revolution entschädigungslos zu enteignen - da ist Ihnen einiges erspart geblieben.
Mir freilich auch. Denn ich schloß mich schließlich nicht den Radikalen an, die dann die politisch eher peinlichen siebziger Jahre prägen sollten, sondern landete in der besten Heimat, die ein Einzelgänger kennt, in der Kunst. Dort trifft man dann auf weitere Unikate, und unter diesen haben Sie sich als der interessante Fall eines menschensüchtigen Einzelgängers herausgestellt.
Diese Rolle stand und steht Ihnen gut. Mit einer ebenso lässigen wie bühnenreifen Großspurigkeit - die nur wirklich große Menschen so zu tragen wissen, daß sie ihrer Umgebung damit nicht auf die Nerven gehen - stehen Sie überall sofort im Mittelpunkt, verstehen es aber zugleich, jeden Gesprächspartner, an dem Ihnen liegt, mit dem Gefühl nach Hause gehen zu lassen, selber im Mittelpunkt gestanden zu haben. Das ist vielleicht eines Ihrer Erfolgsgeheimnisse als Kunsthändler.
Ich zeichne mein Bild von Ihnen aus der Perspektive eines grüblerischen Stubenhockers, der die Welt eher aus Büchern kennt und sie auch wieder in solche verwandeln möchte, jedoch eine manchmal fast ärgerliche Faszination durch entschiedene und tatkräftige Menschen verspürt, die, wie Sie, die Welt zu ändern verstehen, und sei es auch nur die Welt der Kunst. Daher kann ich heute freimütig gestehen, daß ich späterhin angefangen habe, Sie praktisch gegen meinen Willen zu bewundern, sogar zu beneiden, schon allein um das sportliche Selbstvertrauen, das Sie verkörpern, als wäre es Ihnen angeboren.
Im Zeichen der inzwischen nahezu alles anfressenden Ironie muß man sich für diese Haltung der Bewunderung heute ja schon fast entschuldigen; das habe ich allerdings nicht vor. Denn Bewunderung ist eine enorme Ressource der Kultur, vielleicht die wichtigste überhaupt, und darin weiß ich mich mit Ihnen einig. Denn auch Sie haben sich zu dieser Haltung bekannt, nämlich in einem der großartigen Interviews, die Stella Baum in den achtziger Jahren im Kunstforum unter dem Titel „Die goldenen Jahre“ veröffentlicht hat.
Dort schilderten Sie Ihren Besuch auf der ersten documenta, der Sie 1955 von Ihrem Studienort Freiburg nach Kassel geführt hatte, wo Sie sich - zwanglos und auf zivile Weise frech, wie Sie nun einmal sind - einer eigentlich exklusiven Führung anschlossen, die Herbert von Buttlar zufällig gerade für Mitglieder des Rotary-Clubs gab. Die spontane Bewunderung für den distinguierten Freiherrn war es dann, die Sie wenig später dazu bewegte, das Jurastudium abzubrechen und bei den Kunsthändlern Hein Stünke, Gerd Rosen und Heinz Berggruen zu volontieren. Der nächsten documenta dienten sie dann 1959 bereits als Nachfolger des Freiherrn in der Funktion des Generalsekretärs – das nenne ich Tempo!
Das war der Beginn einer Bilderbuchkarriere, wie sie nur beherzten Zeitgenossen offenstehen, die risikobereit und entscheidungsfreudig sind wie Sie. Nun werden Sie mir gleich beim Mittagessen gestehen, daß auch Sie Ihre Stunden und Tage des Selbstzweifels hatten, Niederlagen einstecken mußten, Unsicherheiten verspürt und Krisen durchlebt haben - und daß das vermutlich sogar stimmt, macht ja gerade die artikulierte Nonchalance und beiläufige Grandezza aus, die man ihnen neidlos bescheinigen muß.
Nun kennt jeder, der Erfolg hat, auch dessen Preis. Die Währungen, in denen man diesen Preis zu zahlen hat, sind freilich verschieden. So werden Sie besser wissen als ich, in welcher Währung Sie zu zahlen hatten. Aber wie ich Sie kenne, waren sie schlau genug, dabei die Tageskurse des Schicksals gegeneinander auszuspielen.
Zu den Erfolgen, die Sie sich anrechnen können, gehört jedenfalls die Etablierung einer Messe für zeitgenössische Kunst, dieses wunderbare Durcheinander und schreckliche Nebeneinander der Werke. Sie ist ja gerade auch deswegen ein Massenspektakel geworden, weil vermutlich jeder annahm, daß sie nur für die Besitzer dicker Scheckbücher veranstaltet wird. In einer medienversessenen Konsumgesellschaft kann aber nur wenig ein Ereignis dermaßen mit sozialer Energie aufladen wie die Präsenz des Reichtums. Aus den vielen Zaungästen dieses Schauspiels sind dann reguläre Besucher geworden, die den Kunstmarkt als Informationsveranstaltung zu nutzen verstanden, selbst wenn sie dort nichts kaufen wollten.
Daher habe ich vor sechs Jahren in der Zeit die Vermutung geäußert, daß „nichts die Wahrnehmung der modernen und zeitgenössischen Kunst so nachdrücklich verändert hat wie ihre offensive Vermarktung, die 1967 mit der Kölner Kunstmesse begann“. Daß gerade diese Veranstaltung die in Deutschland notorische Skepsis, aber auch die Schwellenangst im Umgang mit der zeitgenössischen Kunst abgebaut hat, dafür kann ich mich selber als Beleg ausgeben. Mit der Gründung des Kölner Kunstmarktes haben Sie, lieber Herr Zwirner, die Popularität der zeitgenössischen Kunst erhöht, ohne deswegen mit den Preisen runterzugehen - das nenne ich einen dialektischen Erfolg!
Auf den alljährlichen Rundgängen durch die Messe habe ich dann eines der beherrschenden Themen meiner wissenschaftlichen Arbeit gefunden, die Geschichte des modernen Bildermarktes und seine Wirkung auf die Kunstwahrnehmung. Das war in meinem Fach eigentlich genauso naheliegend, wie es die Erfindung einer Messe für aktuelle Kunst für Ihre Profession gewesen war, aber mir hätte das eher schaden können.
In einer nicht unwichtigen Phase meiner Laufbahn, als es nämlich Anfang der achtziger Jahre um eine akademische Anstellung ging, wurde von professoraler Seite versucht, meine Verbeamtung mit dem Hinweis zu verhindern, ich sei marktnah: „Herr Grasskamp gilt als marktnah“, hieß es im Senat - das war ein unmißverständlicher Platzverweis, denn die feinsinnige Formulierung meinte natürlich vulgo: korrupt.
Das war ein Satz, der leicht ins Auge hätte gehen können, und er ist mir in Erinnerung geblieben, auch wenn er meinen Lebensweg nicht – wie beabsichtigt – in niedrigere Gefilde umgeleitet hat. Vielmehr war er prophetisch, und inzwischen, nach einem Vierteljahrhundert, empfinde ich ihn auch eher als eine Art Kompliment - so wie vielleicht ein Zoodirektor von einem Kollegen spricht, der wilde Tiere nicht nur aus Käfigen kennt. Hätte mich dieser Satz meine akademische Laufbahn gekostet, hätte ich Sie, lieber Herr Zwirner, dafür zwar nicht haftbar machen können, wohl aber verantwortlich machen dürfen, denn Sie waren es schließlich, der mich auf diese Abwege gelockt hatte.
Und natürlich hätte der Satz ja auch gestimmt, wenn er nicht als üble Nachrede gemeint gewesen wäre, denn die Nähe zum Markt ist für den Kunstsoziologen unabdingbar, der sich freilich aus dem Marktgeschehen selber heraushalten sollte. Mir hat die inkriminierte Marktnähe jedenfalls einen völlig anderen Blick auf die Kunstgeschichte vermittelt: Weder bei Adorno noch, um in Köln zu bleiben, bei René König hätte ich so schnell so viel über Kunstsoziologie lernen können wie hier auf Ihrer Messe.
Meinen Lebensweg haben Sie dann auch dadurch mitbestimmt, daß Sie zeitweilig der spiritus rector der Sammlung Ludwig waren, die mich seit ihrer ersten Präsentation im Wallraf-Richartz-Museum fasziniert hat. Wie jeder ordentliche Sammler wußte auch Ludwig, daß man die besten Berater braucht, um sich gegebenenfalls auch anders zu entscheiden - und das hat er dann, zu Ihrem Leidwesen, später ja auch reichlich getan. Aber für die Handschrift der Pop Art-Sammlung Ludwig ist Ihr Anteil vielleicht umso höher einzuschätzen, wie Sie sich selber im Hintergrund gehalten haben.
Wie Sie selbst bei Stünke, Rosen und Berggruen volontiert hatten, wie Kasper König und Benjamin Buchloh dann bei Ihnen volontierten, so habe also auch ich von Ihnen eine Menge gelernt, ohne bei Ihnen zu volontieren. Wir sind sogar erst spät miteinander ins Gespräch gekommen, nämlich im November 1991, als Jean-Cristophe Ammann, Boris Groys, Peter Raue, Sie und ich zu einer Münchner Podiumsdiskussion eingeladen waren, die Wieland Schmied leitete.
Sie haben damals damit kokettiert, daß Kunsthändler in bürgerlichen Kreisen stets ein schlechtes Ansehen hatten, und sich gefragt, wie die Buchverleger ihren einst ähnlich schlechten Ruf losgeworden sind - eine sehr interessante kultursoziologische Frage, bei der es freilich sehr auf die Personen ankommt, über die man redet, und nicht nur auf die Branchen. Und da können Sie sich inzwischen überhaupt nicht mehr beschweren, denn als die Kunststiftung Nordrhein-Westfalen im Jahre 2003 Interviewbände mit Gesprächspartnern konzipierte, die vom Rheinland aus das internationale Kulturleben geprägt haben, da hat die Herausgeberin, Regina Wyrwoll, Ihnen gleich den zweiten Band eingeräumt, in dem Ihr Interviewpartner Heinz Peter Schwerfel Sie sehr schön als „passionierten Pragmatiker“ eingefangen hat.
Nach dem Münchner Podium haben wir des öfteren Gelegenheit gehabt, unser Gespräch fortzusetzen, und so lernte ich an Ihnen auch neue Seiten zu schätzen, etwa, wie Sie bei aller Leidenschaft für Ihren Beruf eine analytische Distanz zum Kunstbetrieb gewahrt haben, so, wie ein Rechtsanwalt sie braucht, der Sie ja beinahe auch geworden wären.
Sie äußert sich nicht zuletzt in der Begabung, Ihre Lebenserfahrung als Händler in präzise Anekdoten zu fassen, für die Sie eine ausgesprochene Begabung haben, souverän pointierte Details, die Ihrer ungebrochenen Verwunderung darüber Rechnung tragen, wie der Kunstbetrieb funktioniert, den Sie doch maßgeblich mitgeprägt haben. Diese Anekdoten würden nicht jeden erfreuen, von dem sie berichten, aber Sie erzählen sie mit entwaffnendem Charme. Ohnehin scheinen Sie zu den Menschen zu gehören, denen die Götter die kostbare Gabe verliehen haben, daß man ihnen auf Dauer nichts richtig übelnehmen kann.
Eine der schönsten dieser Anekdoten ist zweifellos die von dem geselligen Abendessen, das Sie für einen Kunstsammler gegeben haben, der sich nicht zum Kauf eines kapitalen Bildes entschließen konnte – für Sie natürlich eine erstrangige sportliche Herausforderung! Diesen Sammler wissen zu lassen, daß das Bild nach dem Essen - bei dem es der unübersehbare Gesprächsgegenstand war - mehr kosten würde als vor dem Essen, das zeugt von einer spielerischen Intelligenz, die eine hohe soziale Kompetenz verrät.
Eines ist Ihnen freilich nie gelungen, nämlich mich als Kunden zu gewinnen - was natürlich auch nie in Ihrer Absicht gelegen hat. Daher kenne ich Sie kurioserweise nicht in Ihrer eigentlichen Lebensrolle als Geschäftsmann, habe mich allerdings auch nicht bei Ihren Kollegen umgehört, ob darüber Abträgliches zu berichten wäre. Irgendjemanden hätte ich sicher dafür gefunden, aber soweit geht mein kunstsoziologisches Interesse dann auch wieder nicht.
Freilich haben Sie in Ihrer Rolle als spiritus rector des Kölner Kunstmarktes mit wachsendem Erfolg auch reichlich öffentliche Kritik einstecken müssen. Sie entzündete sich – und entzündet sich noch immer - an der Exklusivität der zugelassenen Aussteller, 1970 vor allem an der vorübergehenden Schließung der Kölner Kunsthalle für die draußen protestierenden Künstler, darunter solche wie Beuys, Staeck und Vostell, deren Werke drinnen feilgeboten wurden.
Georg Jappe hat Ihnen 1979 in seinem schönen Köln-Buch „Der Traum von der Metropole“ – das mit den Jahren leider immer schöner wird - das größte Kompliment überhaupt gemacht, als er über den Aufschwung der Kunststadt in den sechziger Jahren lapidar schrieb: „Der Motor aber hieß Zwirner“. Im selben Buch hat er Ihnen aber genauso nachdrücklich diese Schließung angekreidet, auch, daß Sie Beuys nicht zur Pressekonferenz zulassen wollten, mit der allerdings völlig zutreffenden Feststellung, daß er kein Pressevertreter war.
Ohne Zweifel hätte ich damals auf der Seite derer gestanden, die mit dem Schlüssel an die Glastüren der Kölner Kunsthalle seligen Angedenkens klopften, und hätte Ihnen Ihr machtbewußtes und schneidiges Auftreten als arrogant verübelt, wenn nicht gar als preußisch. Aber im Nachhinein beneide ich Sie nicht um Ihre damalige Aufgabe, den Künstlern die Verkehrsregeln des Kunstmarktes beizubringen, auf dem - wie auf jedem anderen Markt - eben nicht die Produzenten das Sagen haben, sondern die Händler, andernfalls es eben nie eine attraktive Kunstmesse geworden wäre, sondern nur eine große Weihnachtsausstellung. Beuys, der – wie Sie – doch so viel von Warhol gelernt hatte, wußte doch auch das ziemlich genau, ohne deswegen ein Zyniker gewesen zu sein.
Für zynisch habe ich auch Sie nie gehalten. Ich habe einige Kunst-Betriebswirtschaftler in melancholischen Anfällen von Zynismus erlebt und darunter auch ein paar echte Zyniker, aber Sie sind mir immer viel zu selbstbewußt und aufgeräumt erschienen, um solchen Schwächeanfällen des moralischen Bewußtseins zu erliegen. Sie haben das getan, was Sie für richtig hielten, basta. Eine berühmte Gedichtzeile Augusts von Platen abwandelnd, könnte man sagen: Wer Qualitätskriterien hat, ist dem Machtbewußtsein schon anheimgegeben - und daß Sie in einem vitalen Sinne reflektierte Kriterien hatten, kann angesichts Ihres jahrzehntelangen Ausstellungsprogramms kein Neider bestreiten.
Schließlich sind wir aber doch noch ins Geschäft gekommen, freilich in ein anderes, nämlich das der Wissenschaft. Als nämlich die Kunsthochschule Braunschweig 1999 den Plan erwog, Sie mit dem bürgerlichen Adelstitel eines Honorarprofessors zu belehnen, wurde ich um das entsprechende Gutachten angefragt, und ich habe die Verleihung dieses Titels entschieden befürwortet.
Das hätte ich nicht tun brauchen, denn diese Gutachten sind bekanntlich geheim und die Betroffenen bekommen sie nie zu Gesicht. Ich hätte also risikolos über Sie herziehen können, was übrigens in akademischen Gutachten öfter geschieht, als die Betroffenen es ahnen. Aber ich hatte gute Gründe, das nicht zu tun, und darunter schien mir der einleuchtendste, daß und wie Sie sich für die Einrichtung eines Zentralarchivs des Deutschen und Internationalen Kunsthandels eingesetzt haben.
Als Vertreter des inzwischen ziemlich angestaubt wirkenden Soziotops der Alt-68er weiß ich sehr genau, wie wenig konservativ unsere Gesellschaft ist, vor allem dort, wo sie es zu sein behauptet. Wenn Leute, die sich selbst als konservativ ausgeben, nur noch über Visionen reden wollen, kann es mit dem historischen Bewußtsein nicht mehr weit her sein. Der Mensch ist aber keine Eintagsfliege - auch nicht in seiner Rolle als Händler - und um seiner Geschichtlichkeit gerecht zu werden, muß er die Quellen seiner Herkunft pflegen.
Das Gutachten war erfolgreich und Sie wurden zum Professor ernannt: Wer hätte angesichts unser unterschiedlichen Biografien je gedacht, daß wir eines Tages Kollegen sein würden? Vielleicht treffen wir uns darin, weil wir, wenn auch aus völlig verschiedenen Biografien kommend, davon profitieren wollten, daß letztlich nur die Kunst eine unbürgerliche bürgerliche Existenz ermöglicht.
Ich gehöre jedenfalls zu den aufmerksamen Lesern Ihrer Aufsätze über die Nachkriegsgeschichte des Kunstmarktes, in denen Sie Lebenserfahrung und diagnostische Kompetenz souverän zu vereinbaren wissen; längst gehören sie in einem Buch gebündelt. Siebzehn Jahre älter als ich, können Sie als Zeitzeuge über entscheidende Entwicklungen reden, deren Spolien und Zusammenhänge man sich sonst mühsam zusammen suchen müßte.
Daher habe ich Sie vor wenigen Jahren eingeladen, als die drei Münchner Kunsthochschulen ein studium generale zu der Frage „Was ist Pop?“ veranstalteten. In Ihrem Vortrag, der inzwischen gedruckt vorliegt, haben Sie die hohe Bedeutung Ihrer Begegnung mit Warhol für Ihre eigene Einschätzung des Kunstmarktes betont, eine Abhängigkeit, aus der Sie nie einen Hehl gemacht haben.
Ich höre das immer mit roten Ohren, denn ich muß gestehen, daß ich Warhol erst recht spät verstanden habe, weil ich zu lange dachte, es ginge ihm, wie manchen anderen Pop-Künstlern, nur um bunte Bilder. Eine so radikale Vorhersage, wie Rolf Ricke sie bereits Ende der sechziger Jahre riskierte: nur Warhol bleibt, hätte ich damals nicht einmal im Ansatz verstanden. Vielleicht war Warhols Radikalität aber auch für Kunsthändler viel früher zu erkennen als für das Publikum, das er mit seinen Bildern so gekonnt blendete.
Freilich muß ich Ihnen heute gestehen, daß ich Vorträge von Ihnen auch deswegen genieße, weil sie praktisch die einzigen Gelegenheiten sind, bei denen man Ihnen eine gewisse Befangenheit anmerkt. Wenn Sie also zu Vorträgen eingeladen werden, steckt dahinter nicht immer nur das Interesse an dem Zeitzeugen Zwirner; mancher will vielleicht auch nur einen so unerschrockenen Burschen einmal befangen erleben. Aber selbst hier muß ich zu Ihren Gunsten anmerken, daß, gerade wenn Sie befangen wirken, man Ihnen erst recht jeden Gebrauchtwagen abkaufen würde - und was ist Kunst, nach der rasanten Testfahrt im Atelier, anders als ein Gebrauchtwagen?
Aber dann hat es uns sogar einmal beiden die Sprache verschlagen, als wir nämlich Anfang 1998 die Expertenanhörung im Vorfeld des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ durchlitten – Sie, nunmehr als berliner Bürger, untypischerweise im Auditorium, aber typischerweise in der ersten Reihe; ich eingeklemmt zwischen PDS und CDU. Beide haben wir fassungslos die rigide und selbstgefällige Regie dieser Anhörungen bestaunt - als wenn 1968 nie stattgefunden hätte und statt dessen eine effiziente Oppositionsunterbügelung als einziges Erbe der DDR nach Westberlin übergeschwappt wäre. Das war ein unerträgliches Diskussionsklima, unter dem dann auch der damalige Präsident des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, sichtlich zu leiden begann.
Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Veranstaltung noch als so gespenstisch in Erinnerung ist wie mir, aber sie war sicher nicht der Ort, an dem Ihr inspirierter Vorschlag, statt des problematischen Stelenfeldes von Peter Eisenman doch Barnett Newmans Broken Obelisk aufzustellen, mit irgendeiner kompetenten oder gar wohlwollenden Resonanz hätte rechnen können.
Das muß für Sie eine neue Erfahrung gewesen sein, denn Sie waren es in Köln gewohnt, daß Ihr Wort Geltung besaß und Sie sich Wirkung verschaffen konnten. Das Zentralarchiv hat kürzlich Ausschnitte früher Fernsehreportagen über die Kölner Kunstmesse als DVD brennen lassen – vermutlich legaler als ich damals mein Videoband – und dort kann man sehen, wie Sie sich auf Anhieb selbst vor der Fernsehkamera gut geschlagen haben, sogar einen frechen Blick in die kalte Linse riskierten, bei dem sich, wie jeder TV-Profi weiß, ein Laie ansonsten zwangsläufig verhaspelt.
Solche Aufnahmen sind echte Zeitzeugnisse. Als Ende der achtziger Jahre Wilhelm Schürmann und ich einen vergnüglichen Abend lang meine alten Filmausschnitte durchsahen, waren wir verblüfft zu bemerken, wie damals, in den späten sechziger Jahren, praktisch überall, wo die Kamera hinkam, Werke von Vasarély hingen - nicht nur in den Galerien und Kunstmarktkojen, sondern auch über Schreibtischen, Sofas und Eßtischen, in Büros, Hinterzimmern und Wohnstuben.
Wir haben uns damals gefragt, ob diese Omnipräsenz, um nicht zu sagen: Überschätzung, den Zeitgenossen bewußt war, oder ob der Zeitgeist einfach blind macht. Wir haben uns damals auch gefragt, wer sozusagen der Vasarély unserer damaligen achtziger Jahre war, und meine Antwort hat Schürmann damals überhaupt nicht gefallen, weil er diesen Künstler gerade ausgiebig sammelte; heute würde er mir zustimmen.
Ich werde Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, meinen Tip von damals natürlich nicht preisgeben, empfehle Ihnen jedoch, einmal mit diesem Blick durch den Kunstmarkt zu gehen - Sie werden feststellen, daß es gar nicht so einfach ist, heute schon zu bemerken, worüber sich schon die nächste Generation lustig machen wird.
So bin ich Ihnen, lieber Rudolf Zwirner, also schon oft über den Weg gelaufen, bevor wir uns überhaupt kannten, und das ist die einzige Entschuldigung, die ich am Schluß meiner Rede dafür vorbringen kann, daß ich ein wenig - oder sogar zuviel - von meiner eigenen Biografie eingeflochten habe: Auch wenn ich Rhetorik nur im Heimstudium gelernt habe, so weiß ich doch sehr wohl, daß ich damit gegen die allererste Grundregel einer jeden Laudatio verstoße.
Aber ich habe es vorsätzlich getan, denn ich betrachte mich als eine exemplarische Folgeerscheinung Ihrer Tätigkeit, lieber Rudolf Zwirner, und das braucht ja, nach Lage der Dinge, heute weder Ihnen noch mir peinlich zu sein, zumal Sie einen Preis entgegennehmen können und ich Sie preisen darf.
Diesen Preis erhalten Sie als Pionier des Kunstmarktes und der Durchsetzung moderner Kunst - und Sie erhalten Ihn verdientermaßen spät, weil Sie ihn 1973 selber miterfunden haben. Vielleicht haben Sie kurz darüber nachgedacht, ob eine solche eklatante Verspätung nicht eine Inflationszulage rechtfertigen würde, denn in Gelddingen gelten Sie als unverblümt, aber dafür ist es nun zu spät.
Daß es für viele andere angenehme Gelegenheiten und schöne Situationen, die Sie erleben sollen, noch viel zu früh sein möge, das wünsche ich Ihnen mit einer artigen Verbeugung - als eine ihrer vielen Folgeerscheinungen.
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