Reden und Aufsätze

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02.11.2006

Prof. Dr. Walter Grasskamp

Laudatio auf Rudolf Zwirner anläßlich der Verleihung des Art Cologne Preises des Bundesverbandes der Deutschen Galerien (BVDG) und der Kölnmesse im Hansasaal des Historischen Kölner Rathauses am 2.November 2006

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Bür­ger­meister, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Frau Zwirner, lieber Herr Zwirner,

es ist eine ganz besondere Freude, heute an dieser Stelle eine Laudatio auf Sie halten zu dürfen. Denn vieles, was meine ästhetische Sozialisation in den späten sech­ziger Jahren be­stimm­­te, hatte mit Köln zu tun, mit dem hie­sigen Kunst­leben, und daher zwangs­läu­fig schon mit Ihnen, lieber Herr Zwir­ner, auch wenn wir uns damals noch nicht per­sönlich kannten.

Denn für meine ästhetische Bildung war der Kölner Kunst­markt das viel­leicht wich­tigste Ereignis - allerdings nicht gleich der erste, der 1967 im Kölner Gürzenich statt­fand. Als 17jähr­i­ger Prima­ner hätte ich mich zu einer solchen Ver­anstal­tung gar nicht hinzugehen ge­traut, wenn ich über­haupt von ihr er­fahren hätte. Aus einer noch ama­teur­­haften All­tagsso­zi­ologie heraus, hätte ich den Ein­druck ge­habt, daß eine solche Messe nicht für junge Leute wie mich gedacht war, son­dern für die In­haber dicker Scheckbücher - was ein nahe­lie­gen­der, aber, wie sich letztlich heraus­stellen soll­­te, fal­sch­er Ein­druck war, zumin­dest teil­weise.

Erst die zweite Messe habe ich besucht, die 1968 in der Kölner Kunsthalle und den Räumen des Kunstvereins stattfand, als ich nämlich im ersten Semes­t­er an der Kölner Universität studier­te, übrigens keineswegs Kunstgeschichte. Noch heute habe ich vor Augen, mit wel­cher Ver­blüf­fung ich an einem un­schuldigen Morgen vor Sigmar Polkes Ge­mäl­de „Mo­der­ne Kunst“ stand - eine Ver­blüf­fung, von der ich mich nie mehr richtig erholen sollte!

Mein Messebesuch von 1968 hatte die Folge, daß ich in den fol­gen­den beiden Jah­­r­zehnten jeden, aber auch jeden Kölner Kunst­markt be­suchte. Es muß die drit­te oder vierte Messe, zu Be­­ginn der 70er Jahre also, gewesen sein, als ich in einer der Kojen zufällig Ohrenzeuge eines bemerkenswerten Dia­logs wur­de: Of­fen­­sicht­lich hatte ein junger Mit­arbei­ter für kurze Zeit den Ga­leristen vertreten müssen, und als dieser nun in seine Koje zurück­kehr­te, wurde ihm mit­geteilt, gerade habe sich ein Samm­ler nach dem Preis der Beuys-Ar­beit erkundigt, die meiner Er­in­nerung nach auf dem Bo­den lag, sei aber schon wieder weiter­gegangen.

Ohne sich von die­ser Mit­teilung son­derlich beein­druckt zu zei­gen oder gar dem Inte­ressenten nach­zu­stei­gen, krähte der Gale­rist fröhlich durch die Koje: „Dann sagen Sie ihm, dann soll er ganz viel Geld mit­bringen“. Das war unverkennbar O-Ton Zwir­ner, dessen Namen ich mir da­mals wohl zum ersten Mal ge­merkt habe. Auch auf den folgenden Messen fiel mir der ebenso elegante wie raumgreifende Mann immer wieder auf, dem ich längst in die Hände gefallen war, ohne es zu wis­sen, war er doch – zu­sammen mit Hein Stünke – der spi­ritus rector der Ver­an­stal­tung, die mich immer wie­der wie magisch anzog.

Zwei Jahrzehnte später, Ende der achtziger Jahre, als ich mein Geld längst im erweiterten Kunstbetrieb ver­dien­te, hatte ich ein­­mal das - ir­gendwie illegale - Privileg, aus dem Bestand des WDR histo­risch­es Film­­ma­te­rial über den Kölner Kunstmarkt abzweigen zu dürfen. Es handelte sich um abgeklammer­tesMate­rial, wie das senderintern hieß, also um ein Videoband mit Sze­­nen und Interviewfetzen, die aus archivierten Reportagen über den rhei­n­ischen Kunst­betrieb der sechziger und siebziger Jahre he­r­aus­kopiert worden waren.

In dieser eher willkürlich angelegten Ausschnittsammlung war un­üb­er­seh­bar, daß die­ser hoch­ge­wach­sene und agile Mann von Be­ginn an auch ein be­lieb­tes Motiv der Kamera­leute gewesen war. Man sah ihn, auf eigen­ar­tige Wei­se gleich jung blei­bend, mit wehender Kra­watte Türen und Räume durch­schreiten und seiner of­fenkun­digen Lieb­lings­be­schäfti­gung nachgehen, nämlich andere Leute im Ge­spräch fast mühelos für sich zu gewinnen.

Das wäre ihm Ende der sechziger Jahre mit mir aller­dings schwer gefallen, denn die ersten Messe­be­suche fielen ja in die Jahre der Studenten­re­volte. In Hin­­­ter­zimmern des Köln­er SDS hing ich damals gebannt an den Lippen von Bernd Rabehl und an­de­rer po­liti­scher Tagträu­mer, und natürlich war der Unterneh­mer unser Feind­bild schlecht­hin - und ein Kunsthändler ja wohl erst recht, der sich aus rein kommerziellen Gründen am Aller­heiligsten ver­greift, was der Deutsche Ide­a­lismus je gekannt hat. Damals hät­te ich mich tro­cke­nen Auges an jedem Versuch betei­ligt, Sie, lieber Herr Zwir­ner, im Namen der Revolution entschädi­gungs­­los zu ent­eignen - da ist Ihnen eini­­ges er­spart geblie­ben.

Mir freilich auch. Denn ich schloß mich schließlich nicht den Radikalen an, die dann die po­li­tisch eher pein­­­lichen siebziger Jahre prägen sollten, sondern landete in der besten Heimat, die ein Ein­zelgänger kennt, in der Kunst. Dort trifft man dann auf weitere Unikate, und un­ter die­sen haben Sie sich als der interes­sante Fall eines menschensüchtigen Ein­zelgän­gers her­aus­ge­stellt.

Die­se Rolle stand und steht Ihnen gut. Mit einer eb­en­so lässi­g­en wie bühnenreifen Groß­­spurigkeit - die nur wirk­lich große Men­sch­en so zu tragen wissen, daß sie ihrer Umge­bung damit nicht auf die Nerven gehen - stehen Sie überall so­fort im Mit­telpunkt, ver­­stehen es aber zugleich, jeden Gesprächs­part­ner, an dem Ihn­en liegt, mit dem Gefühl nach Hause gehen zu lassen, selber im Mittelpunkt ge­stan­den zu haben. Das ist viel­­leicht eines Ihrer Erfolgsge­heim­­nisse als Kunsthändler.

Ich zeichne mein Bild von Ihnen aus der Perspektive eines grüb­­­­­lerischen Stu­ben­­ho­ck­ers, der die Welt eher aus Büchern kennt und sie auch wieder in solche verwandeln möchte, jedoch eine manchmal fast ärger­liche Faszination durch entschiedene und tatkräftige Menschen ver­spürt, die, wie Sie, die Welt zu ändern verste­hen, und sei es auch nur die Welt der Kunst­. Da­her kann ich heute freimütig ge­stehen, daß ich später­hin an­ge­fangen habe, Sie praktisch gegen meinen Willen zu be­wundern, sogar zu beneiden, schon allein um das sport­­li­che Selbstver­trau­en, das Sie ver­kör­pern, als wäre es Ihnen an­gebo­ren.

Im Zeichen der inzwischen nahezu alles anfressenden Ironie muß man sich für diese Haltung der Bewunderung heute ja schon fast ent­schul­di­gen; das habe ich allerdings nicht vor. Denn Bewun­de­­­­rung ist eine enorme Res­source der Kul­tur, vielleicht die wich­­tig­ste überhaupt, und darin weiß ich mich mit Ihnen einig. Denn auch Sie haben sich zu dieser Haltung bekannt, näm­lich in einem der großart­i­gen Interviews, die Stella Baum in den acht­ziger Jah­ren im Kunst­forum unter dem Titel „Die goldenen Jah­re“ veröf­fentlicht hat.

Dort schil­derten Sie Ihren Be­such auf der ersten do­cu­men­ta, der Sie 1955 von Ihrem Studienort Frei­burg nach Kas­sel geführt hatte, wo Sie sich - zwanglos und auf zivile Weise frech, wie Sie nun ein­mal sind - einer eig­ent­lich exklusiven Führung an­schlos­sen, die Her­bert von Butt­­lar zufällig gerade für Mit­glie­der des Ro­ta­ry-Clubs gab. Die spon­tane Bewunde­rung für den distingu­ierten Frei­herrn war es dann, die Sie wenig später dazu beweg­­te, das Jura­studium abzu­brech­en und bei den Kunst­händlern Hein Stünke, Gerd Rosen und Heinz Berg­gruen zu vo­lon­tieren. Der nächsten do­cu­men­ta dienten sie dann 1959 bereits als Nach­folger des Frei­herrn in der Funk­tion des Gene­ral­sek­re­tärs – das nenne ich Tempo!

Das war der Beginn einer Bilderbuchkarriere, wie sie nur be­herzten Zeitgenossen offenstehen, die risikobereit und ent­schei­dungsfreudig sind wie Sie. Nun werden Sie mir gleich beim Mittagessen gestehen, daß auch Sie Ihre Stunden und Tage des Selbst­zwei­fels hatten, Nieder­lagen ein­stecken mußten, Un­sich­er­heiten verspürt und Krisen durchlebt haben - und daß das ver­­mutlich so­gar stimmt, macht ja ge­rade die artikulierte Non­chalance und bei­­läufige Grandezza aus, die man ihnen neidlos be­schei­nigen muß.

Nun kennt jeder, der Er­fol­g hat, auch dessen Preis. Die Wäh­run­gen, in denen man diesen Preis zu zahlen hat, sind frei­lich verschieden. So werden Sie bes­ser wis­sen als ich, in wel­cher Währung Sie zu zahlen hatten. Aber wie ich Sie ken­ne, waren sie schlau genug, dabei die Tageskurse des Schicksals gegen­ein­ander auszu­spie­len.

Zu den Erfolgen, die Sie sich anrechnen können, gehört jeden­falls die Etablierung einer Messe für zeitgenössische Kunst, dieses wun­derbare Durcheinander und schreckliche Neben­einan­der der Werke. Sie ist ja gerade auch deswegen ein Mas­senspektakel ge­worden, weil vermutlich jeder annahm, daß sie nur für die Be­sitzer dick­er Scheck­­bücher veran­staltet wird. In einer medi­en­versessenen Kon­sum­ge­sell­schaft kann aber nur wenig ein Er­eig­nis der­maßen mit sozialer Ener­gie auf­laden wie die Präsenz des Reich­tums. Aus den vielen Zaungäst­en dieses Schauspiels sind dann regu­lä­re Besucher ge­worden, die den Kunst­markt als In­for­mations­veranstaltung zu nutzen verstanden, selbst wenn sie dort nichts kaufen wollten.

Daher habe ich vor sechs Jahren in der Zeit die Vermutung ge­äu­ßert, daß „nichts die Wahrneh­mung der modernen und zeitge­nös­sischen Kunst so nach­drück­lich ver­än­dert hat wie ihre of­fensive Ver­marktung, die 1967 mit der Köl­ner Kunstmesse be­gann“. Daß gerade diese Ver­anstaltung die in Deutschland no­torische Skepsis, aber auch die Schwel­len­angst im Umgang mit der zeitge­nössi­schen Kunst abge­baut hat, dafür kann ich mich sel­ber als Beleg ausgeben. Mit der Grün­dung des Köl­ner Kunst­marktes haben Sie, lieber Herr Zwirner, die Po­pu­larität der zeitgenössischen Kunst erhöht, ohne deswegen mit den Preisen runter­zu­gehen - das nenne ich einen dialekti­sch­en Erfolg!

Auf den alljährlichen Rundgängen durch die Messe habe ich dann eines der beherrschenden Themen meiner wissenschaftlichen Ar­beit ge­funden, die Geschichte des modernen Bildermarktes und seine Wirkung auf die Kunstwahrnehm­ung. Das war in meinem Fach eigentlich genauso naheliegend, wie es die Er­findung einer Mes­se für aktuelle Kunst für Ihre Profession gewesen war, aber mir hätte das eher scha­den kön­nen.

In einer nicht unwicht­i­g­en Phase meiner Lauf­bahn, als es näm­lich Anfang der achtziger Jahre um eine akademische Anstel­lung ging, wurde von pro­fes­so­raler Seite versucht, mei­­ne Verbeam­tung mit dem Hin­weis zu ver­­­­hindern, ich sei markt­­nah: „Herr Grass­kamp gilt als markt­nah“, hieß es im Senat - das war ein un­­mißver­ständ­li­cher Platz­verweis, denn die fein­­sinnige For­­­mu­lie­rung meinte natür­lich vulgo: ko­rrupt.

Das war ein Satz, der leicht ins Auge hätte gehen können, und er ist mir in Erinnerung geblieben, auch wenn er meinen Le­bens­­­weg nicht – wie beabsichtigt – in niedrigere Ge­fil­de um­ge­lei­tet hat. Vielmehr war er pro­phetisch, und in­zwischen, nach einem Vierteljahrhundert, empfinde ich ihn auch eher als eine Art Kom­pliment - so wie vielleicht ein Zoodirektor von einem Kol­legen spricht, der wil­de Tiere nicht nur aus Käfigen kennt. Hätte mich dieser Satz mei­ne akademische Laufbahn gekostet, hätte ich Sie, lieber Herr Zwirner, dafür zwar nicht haftbar machen können, wohl aber verant­wort­lich machen dürfen, denn Sie waren es schließ­lich, der mich auf diese Abwege gelockt hat­te.

Und natürlich hätte der Satz ja auch gestimmt, wenn er nicht als üble Nachrede gemeint gewesen wäre, denn die Nähe zum Markt ist für den Kunstsoziologen unabdingbar, der sich frei­lich aus dem Marktgeschehen selber heraushalten sollte. Mir hat die in­kriminierte Markt­nähe jedenfalls einen völlig an­de­ren Blick auf die Kunstgeschichte vermittelt: Weder bei Adorno noch, um in Köln zu bleiben, bei René König hätte ich so schnell so viel über Kunst­so­ziologie lernen können wie hier auf Ihrer Messe.

Meinen Lebensweg haben Sie dann auch dadurch mitbe­stimmt, daß Sie zeit­­­wei­lig der spiritus rector der Sammlung Ludwig waren, die mich seit ihrer ersten Präsentation im Wallraf-Richartz-Mu­seum fasziniert hat. Wie jeder ordentliche Sammler wußte auch Ludwig, daß man die best­en Berater braucht, um sich gege­benen­falls auch an­ders zu entscheiden - und das hat er dann, zu Ihrem Leidwesen, später ja auch reichlich ge­tan. Aber für die Handschrift der Pop Art-Sammlung Ludwig ist Ihr Anteil viel­leicht umso höher ein­zu­schätzen, wie Sie sich selber im Hintergrund gehalten haben.

Wie Sie selbst bei Stünke, Rosen und Berg­gruen volontiert hat­ten, wie Kasper König und Benjamin Buch­loh dann bei Ihnen vo­l­ontierten, so habe also auch ich von Ihnen eine Menge ge­lernt, ohne bei Ihnen zu volontieren. Wir sind sogar erst spät mit­einander ins Ge­spräch gekommen, nämlich im Novem­ber 1991, als Jean-Cristophe Ammann, Boris Groys, Peter Raue, Sie und ich zu einer Münchner Podiums­diskussion eingeladen waren, die Wieland Schmied leitete.

Sie ha­ben damals damit koketti­ert, daß Kunsthändler in bürger­li­chen Kreisen stets ein schlechtes Ansehen hatten, und sich gefragt, wie die Buch­ver­le­ger ihren einst ähn­lich schlechten Ruf losgeworden sind - eine sehr in­teressante kultur­sozi­o­lo­gi­sche Frage, bei der es freilich sehr auf die Personen an­kommt, über die man redet, und nicht nur auf die Branchen. Und da kön­­nen Sie sich inzwi­schen überhaupt nicht mehr be­schwe­ren, denn als die Kunststif­tung Nordrhein-Westfalen im Jahre 2003 Interviewbände mit Ge­sprächspartnern konzi­pierte, die vom Rheinland aus das inter­nationale Kulturleben geprägt haben, da hat die Herausge­berin, Regina Wyrwoll, Ihnen gleich den zwei­t­en Band einge­räumt, in dem Ihr Interviewpartner Heinz Peter Schwer­fel Sie sehr schön als „passionierten Pragmatiker“ ein­gefangen hat.

Nach dem Münchner Podium haben wir des öfteren Ge­legenheit ge­habt, unser Ge­spräch fortzu­se­tzen, und so lernte ich an Ihnen auch neue Sei­ten zu schätz­en, etwa, wie Sie bei aller Leiden­schaft für Ihren Beruf eine analyti­sche Distanz zum Kunstbe­trieb gewahrt haben, so, wie ein Rechts­anwalt sie braucht, der Sie ja bei­nahe auch ge­worden wä­ren.

Sie äußert sich nicht zuletzt in der Be­gabung, Ihre Le­bens­er­fahrung als Händler in präzise Anekdoten zu fas­sen, für die Sie eine ausgesprochene Begabung haben, sou­verän pointierte De­tails, die Ihrer ungebrochenen Verwun­de­rung da­rüber Rechnung tragen, wie der Kunstbe­trieb funktio­ni­ert, den Sie doch maß­geblich mitge­prägt hab­en. Diese Anekdoten würden nicht jeden er­freuen, von dem sie be­rich­ten, aber Sie erzählen sie mit ent­waffnendem Charme. Ohne­hin schei­nen Sie zu den Menschen zu ge­hören, denen die Göt­ter die kostbare Gabe ver­liehen haben, daß man ihnen auf Dauer nichts richtig übel­nehmen kann.

Eine der schönsten dieser Anekdoten ist zwei­fellos die von dem gesel­ligen Abend­­essen, das Sie für einen Kunstsammler gegeben haben, der sich nicht zum Kauf eines ka­pitalen Bildes ent­schließen konnte – für Sie natürlich eine erstrangige sport­li­che Herausforde­r­ung! Diesen Sammler wissen zu lassen, daß das Bild nach dem Essen - bei dem es der unüberseh­bare Ge­sprächs­gegen­stand war - mehr kosten würde als vor dem Essen, das zeugt von einer spie­lerischen Intel­ligenz, die eine hohe so­zi­ale Kompetenz verrät.

Eines ist Ihnen freilich nie gelungen, nämlich mich als Kunden zu ge­win­nen - was natürlich auch nie in Ihrer Absicht gelegen hat. Da­­her kenne ich Sie kurioserweise nicht in Ihrer eigent­li­­chen Lebensrolle als Ge­schäfts­mann, habe mich aller­dings auch nicht bei Ihren Kollegen umge­hört, ob darüber Ab­trägli­ch­es zu be­rich­ten wäre. Irgendjemanden hätte ich sicher dafür ge­funden, aber soweit geht mein kunstsoziologisches In­te­res­se dann auch wieder nicht.

Freilich haben Sie in Ihrer Rolle als spiritus rector des Köl­ner Kunstmarktes mit wachsendem Erfolg auch reichlich öffent­liche Kri­tik einstecken müssen. Sie entzündete sich – und ent­zündet sich noch immer - an der Exklusivität der zugelassenen Aus­steller, 1970 vor allem an der vorüber­ge­henden Schlie­ß­ung der Kölner Kunsthalle für die draußen protestierenden Künst­ler, darunter solche wie Beuys, Staeck und Vostell, deren Wer­ke drinnen feil­geboten wurden.

Georg Jappe hat Ihnen 1979 in sei­nem schönen Köln-Buch „Der Traum von der Met­ropole“ – das mit den Jah­ren leider immer schöner wird - das größte Kompliment über­haupt gemacht, als er über den Aufschwung der Kunst­stadt in den sech­ziger Jahren la­pi­dar schrieb: „Der Mo­tor aber hieß Zwirner“. Im sel­ben Buch hat er Ihnen aber genauso nach­drücklich diese Schließ­ung ange­kreidet, auch, daß Sie Beuys nicht zur Presse­kon­ferenz zulas­sen woll­ten, mit der al­lerdings völlig zutref­fenden Fest­stel­lung, daß er kein Pres­severtreter war.

Ohne Zwei­fel hätte ich damals auf der Seite derer gestanden, die mit dem Schlüssel an die Glastüren der Kölner Kunsthalle se­ligen Angedenkens klopften, und hätte Ihnen Ihr machtbe­wuß­tes und schneidiges Auftreten als arrogant ver­übelt, wenn nicht gar als preußisch. Aber im Nachhinein beneide ich Sie nicht um Ihre damalige Auf­gabe, den Künstlern die Verkehrs­re­geln des Kunstmarktes beizu­bringen, auf dem - wie auf jedem anderen Markt - eben nicht die Produ­zenten das Sagen haben, sondern die Händ­ler, an­de­rn­falls es eben nie eine attraktive Kunstmesse geworden wäre, sondern nur eine große Weih­­nachts­aus­stellung. Beuys, der – wie Sie – doch so viel von Warhol gelernt hatte, wußte doch auch das ziemlich genau, ohne des­wegen ein Zyniker gewesen zu sein.

Für zynisch habe ich auch Sie nie gehalten. Ich habe eini­ge Kunst-Betriebswirtschaftler in melancholischen Anfällen von Zy­nis­mus erlebt und darunter auch ein paar echte Zyniker, aber Sie sind mir immer viel zu selbstbewußt und aufgeräumt er­schie­­­­nen, um sol­chen Schwä­cheanfällen des moralischen Bewußt­seins zu er­lie­gen. Sie haben das getan, was Sie für richtig hielten, basta. Eine berühmte Ge­dicht­zeile Augusts von Platen abwandelnd, könn­te man sa­gen: Wer Qualitätskri­terien hat, ist dem Machtbewußt­sein schon anheimgegeben - und daß Sie in einem vitalen Sinne re­flek­tier­te Kri­te­rien hatten, kann ange­sichts Ihres jahr­zehn­te­langen Ausstellungsprogramms kein Nei­der be­streiten.

Schließlich sind wir aber doch noch ins Geschäft gekommen, frei­­lich in ein anderes, nämlich das der Wissenschaft. Als näm­lich die Kunsthochschule Braunschweig 1999 den Plan er­wog, Sie mit dem bürgerlichen Adels­titel eines Honorar­pro­fes­sors zu belehnen, wurde ich um das entsprechende Gutachten ange­fragt, und ich habe die Ver­leihung dieses Titels entschieden be­für­wortet.

Das hät­te ich nicht tun brauchen, denn diese Gutachten sind be­kanntlich ge­heim und die Be­trof­fenen bekommen sie nie zu Ge­sicht. Ich hätte also risikolos über Sie herziehen kön­nen, was übrigens in akademischen Gutachten öfter ge­schieht, als die Be­troffenen es ahnen. Aber ich hatte gute Gründe, das nicht zu tun, und darunter schien mir der einleuchtendste, daß und wie Sie sich für die Einrichtung eines Zentralarchivs des Deut­sch­en und Internationalen Kunst­han­dels eingesetzt haben.

Als Vertreter des inzwischen ziemlich angestaubt wirkenden So­ziotops der Alt-68er weiß ich sehr genau, wie wenig konser­va­tiv unsere Gesell­schaft ist, vor allem dort, wo sie es zu sein behauptet. Wenn Leute, die sich selbst als kon­servativ ausge­ben, nur noch über Visionen reden wollen, kann es mit dem hi­s­to­­ri­sch­en Be­wußtsein nicht mehr weit her sein. Der Mensch ist aber kei­ne Ein­tagsfliege - auch nicht in seiner Rolle als Händ­­­ler - und um seiner Geschichtlichkeit gerecht zu werden, muß er die Quellen seiner Her­kunft pflegen.

Das Gutachten war erfolg­reich und Sie wurden zum Professor er­nannt: Wer hät­te ange­sichts unser unter­schiedlichen Biogra­fien je ge­dacht, daß wir eines Tages Kol­le­gen sein würden? Viel­leicht treffen wir uns darin, weil wir, wenn auch aus völlig ver­schie­denen Bio­gra­fien kom­mend, davon pro­fitieren woll­ten, daß letztlich nur die Kunst eine unbürgerliche bürger­liche Exist­enz er­mög­licht.

Ich gehöre jedenfalls zu den aufmerksamen Lesern Ihrer Auf­sätze über die Nachkriegsgeschichte des Kunstmarktes, in denen Sie Le­bens­erfahrung und diagnostische Kompetenz souverän zu vereinbaren wissen; längst gehören sie in einem Buch gebün­delt. Sieb­zehn Jahre älter als ich, kön­nen Sie als Zeitzeuge über ent­schei­dende Ent­wicklungen re­den, deren Spolien und Zu­sammenhänge man sich sonst mühsam zu­sam­men suchen müßte.

Daher habe ich Sie vor wenigen Jah­ren einge­la­den, als die drei Mün­ch­ner Kunsthoch­schulen ein studium ge­nerale zu der Frage „Was ist Pop?“ veranstalteten. In Ihrem Vortrag, der inzwi­sch­en gedruckt vorliegt, haben Sie die hohe Be­deutung Ihrer Be­geg­nung mit Warhol für Ihre eigene Ein­schätz­ung des Kunst­mark­tes betont, eine Abhängigkeit, aus der Sie nie einen Hehl ge­macht haben.

Ich höre das immer mit roten Ohren, denn ich muß gestehen, daß ich War­hol erst recht spät ver­standen habe, weil ich zu lange dach­te, es ginge ihm, wie manchen an­deren Pop-Künstlern, nur um bunte Bilder. Eine so radikale Vor­her­sage, wie Rolf Ricke sie bereits Ende der sech­ziger Jah­re riskierte: nur Warhol bleibt, hätte ich damals nicht einmal im Ansatz verstanden. Vielleicht war Warhols Radika­lität aber auch für Kunst­händ­ler viel frü­her zu erkennen als für das Pub­likum, das er mit sei­nen Bil­dern so gekonnt blendete.

Freilich muß ich Ihnen heute gestehen, daß ich Vorträge von Ihnen auch deswegen ge­nieße, weil sie praktisch die ein­zigen Gelegenheiten sind, bei denen man Ihnen eine ge­wis­se Be­fang­en­heit anmerkt. Wenn Sie also zu Vorträgen eingeladen werden, steckt dahinter nicht immer nur das In­te­res­­se an dem Zeitzeu­gen Zwirner; man­cher will vielleicht auch nur einen so uner­schrockenen Bur­sch­en einmal be­fangen erleben. Aber selbst hier muß ich zu Ihren Gunsten an­merken, daß, gera­de wenn Sie be­fan­gen wirken, man Ihnen erst recht jeden Ge­brauchtwagen abkaufen würde - und was ist Kunst, nach der rasanten Test­fahrt im Ate­lier, an­ders als ein Gebraucht­wagen?

Aber dann hat es uns sogar einmal beiden die Sprache ver­schla­gen, als wir nämlich Anfang 1998 die Expertenanhörung im Vor­feld des „Denk­­­mals für die ermordeten Juden Europas“ durch­lit­ten – Sie, nunmehr als berliner Bürger, untypischer­weise im Auditorium, aber ty­pi­scherweise in der ersten Reihe; ich ein­geklemmt zwi­schen PDS und CDU. Beide haben wir fas­sungs­los die rigide und selbst­ge­fäl­lige Re­gie die­ser Anhörun­gen bestaunt - als wenn 1968 nie stattge­funden hät­te und statt dessen eine ef­fi­ziente Op­positi­ons­unter­bügelung als einziges Erbe der DDR nach West­berlin überge­schwappt wäre. Das war ein unerträg­lich­es Diskussions­klima, unter dem dann auch der da­malige Präsi­dent des Zentral­ra­tes der Juden, Ignatz Bubis, sicht­lich zu leiden begann.

Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Veranstaltung noch als so ge­spen­stisch in Erinnerung ist wie mir, aber sie war sicher nicht der Ort, an dem Ihr inspirierter Vorschlag, statt des problematischen Ste­lenfeldes von Peter Eisen­man doch Barnett New­mans Broken Obe­lisk auf­zustel­len, mit irgend­einer kompe­ten­ten oder gar wohlwol­lenden Re­so­nanz hätte rechnen kön­nen.

Das muß für Sie eine neue Erfahrung gewesen sein, denn Sie waren es in Köln gewohnt, daß Ihr Wort Geltung besaß und Sie sich Wirkung verschaffen konnten. Das Zentralarchiv hat kürz­lich Ausschnitte früher Fern­seh­re­portagen über die Kölner Kunstmesse als DVD brennen las­sen – ver­­mut­lich lega­ler als ich damals mein Videoband – und dort kann man sehen, wie Sie sich auf Anhieb selbst vor der Fern­seh­kamera gut ge­schlagen ha­­ben, sogar einen frechen Blick in die kalte Linse riskie­rten, bei dem sich, wie jeder TV-Profi weiß, ein Laie anson­sten zwangs­läufig verhas­pelt.

Solche Auf­nahmen sind echte Zeitzeugnisse. Als En­de der acht­ziger Jahre Wilhelm Schürmann und ich einen vergnüglichen Abend lang meine alten Filmausschnit­te durchsahen, waren wir ver­blüfft zu bemerken, wie damals, in den späten sech­ziger Jah­­ren, praktisch über­all, wo die Kamera hin­kam, Werke von Va­sa­ré­ly hin­gen - nicht nur in den Ga­lerien und Kunst­marktkojen, sondern auch über Schreib­tischen, Sofas und Eß­tischen, in Bü­ros, Hinterzim­mern und Wohnstuben.

Wir haben uns damals ge­fragt, ob diese Om­ni­prä­senz, um nicht zu sagen: Überschä­tzung, den Zeitgenos­sen be­wußt war, oder ob der Zeitgeist einfach blind macht. Wir haben uns damals auch gefragt, wer sozusagen der Va­sarély unserer damaligen acht­zi­ger Jahre war, und meine Antwort hat Schürmann damals über­haupt nicht ge­fallen, weil er diesen Kün­st­ler gera­de ausgiebig sammelte; heute würde er mir zustim­men.

Ich wer­de Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, meinen Tip von da­mals natürlich nicht preis­ge­ben, empfehle Ihnen je­doch, einmal mit diesem Blick durch den Kunst­markt zu ge­­hen - Sie werden feststellen, daß es gar nicht so einfach ist, heute schon zu bemerken, worüber sich schon die näch­ste Genera­tion lustig machen wird.

So bin ich Ihnen, lieber Rudolf Zwirner, also schon oft über den Weg gelaufen, bevor wir uns überhaupt kannten, und das ist die einzige Entschuldigung, die ich am Schluß meiner Rede da­­für vorbringen kann, daß ich ein we­nig - oder sogar zuviel - von meiner eigenen Bio­grafie einge­floch­ten habe: Auch wenn ich Rhetorik nur im Heimstudium gelernt habe, so weiß ich doch sehr wohl, daß ich da­mit gegen die al­ler­er­ste Grund­regel einer je­den Laudatio ver­stoße.

Aber ich habe es vorsätz­lich getan, denn ich be­trachte mich als eine exemplarische Folge­er­scheinung Ihrer Tätigkeit, lie­ber Rudolf Zwirner, und das braucht ja, nach Lage der Dinge, heute weder Ihnen noch mir peinlich zu sein, zumal Sie einen Preis entgegennehmen können und ich Sie preisen darf.

Diesen Preis erhalten Sie als Pionier des Kunst­mark­tes und der Durchsetz­ung moderner Kunst - und Sie erhalten Ihn ver­dienter­maßen spät, weil Sie ihn 1973 sel­­ber mit­er­funden haben. Viel­leicht haben Sie kurz darüber nach­ge­dacht, ob eine sol­che ek­la­tante Ver­spätung nicht eine In­fla­tionszu­la­ge recht­fer­tigen würde, denn in Gelddingen gelten Sie als un­ver­blümt, aber da­für ist es nun zu spät.

Daß es für viele andere angenehme Gelegen­heiten und schöne Si­tuationen, die Sie erleben sollen, noch viel zu früh sein mö­ge, das wünsche ich Ihnen mit einer artigen Verbeu­gung - als eine ihrer vielen Folge­er­schei­nungen.

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