04.10.2017 | Glosse: Frau Grütters "ihr Milljöh"

Kürzlich ließ Monika Grütters ihren Affekten gegen den Kunstbetrieb wieder freien Lauf: In einem FAZ-Interview erklärte sie, dem Kunsthandel gehe es mehr um den Preis als um den Wert der Kunst ...

... und nutzte damit ein altes Ressentiment zur moralischen Selbststilisierung. Als hätte es eine absolute Trennschärfe von Wert und Geld in der Kunst je gegeben. In der Kulturpolitik schon gar nicht. Eine Ministerin, die jährlich 1,7 Milliarden für die Kultur ausgeben kann, sollte das eigentlich wissen.  

Paul Maenz, legendärer Kölner Galerist, konterte flugs in einem Leserbrief: „In Sachen Kulturgutschutzgesetz tritt Monika Grütters unnötigerweise noch einmal so richtig nach. Ebenso ärgerlich ist die implizite Diffamierung des hiesigen Kunsthandels als „Milieu.“

Ein paar Wochen später folgte in der Berliner Morgenpost der switch von der Attacke in den Klagemodus: Persönlich und verletzend sei die Kritik gegen ihr Gesetz gewesen – obendrein „vornehmlich von älteren Männern“. Brauchen wir nun ein Kritikeraltersbegrenzungs-Gesetz? Nein, denn an Monika Grütters prallt auch so jeder Einwand ab, von Jacke wie Hose, von jung oder alt. Das haben nicht nur die hochvitalen, wenngleich nicht mehr ganz jugendlichen Kunst(markt)menschen wie Rudolf Zwirner, Harald Falckenberg, Peter Raue oder Bernd Schultz erlebt.

Die Kulturstaatsministerin hat Interviews gerne genutzt, um Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten. Etwa über den Ankauf der beispielhaft für den „Abwanderungsschutz national wertvolles Kulturguts“ ins Feld geführten Humboldt´schen Reisetagebücher. Über die tatsächlichen Hintergründe hatte der vor einem Jahr verstorbene Kunsthändler Christoph Graf Douglas in einem bis heute lesenswerten Öffentlichen Brief aufgeklärt.

Die Absurdität des Kulturgutschutzgesetzes zeigt sich nicht nur an den teils unerfüllbaren Sorgfalts- und Herkunftsnachweispflichten. Sie zeigte sich vor allem an den Landesgrenzen, wo durch neue Ausfuhrverfahren „national wertvollem Kulturgut“ auf die Spur gekommen werden sollte. Fehlanzeige. Einer riesigen bürokratischen Blähung steht eine mikroskopische Null gegenüber. Echter Kulturgutschutz wäre gewesen, das Geld für Ankaufsetats der Museen auszugeben.

Die Ministerin hält auch an der Legende vom Handel mit Raubgrabungen allüberall in Deutschland fest. Die Handreichung und die neue Website zum KGSG sind mit Abbildungen zerstörter Antiken gespickt. Die Islamisten würden sich damit finanzieren, heißt es. Der FOCUS hat mit dieser Lüge jüngst aufgeräumt: Mehrwertsteuerbetrug im großen Stil via deutscher Fiskus ist eine Geldquelle des IS. Doch da schaut die Politik lieber weg. Es ist eben einfacher, Behörden- und Staatsversagen in Sündenbockmanier auf den Kunsthandel zu verlagern. 

Fazit mit ihren eigenen Worten: Frau Grütters hat uns Einblicke in ein Milieu gewährt, die wir uns alle lieber erspart hätten.

Auf der Tagung der österreichischen Gerichtssachverständigen hat Birgit Maria Sturm Mitte September im Kunsthistorischen Museum Wien einen Vortrag über die Auswirkungen des KGSG auf den Kunsthandel gehalten: „Ein Karnickel aus dem Zylinder des Postfaktischen“. Zusendung auf Anfrage.

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